Kapitel
Carsharing und Elektromobilität

“Einfach, kostengünstig, bequem“

Rieckhofs Idee von Hamburgs Verkehr der Zukunft 12 Minuten Lesezeit

Stau, Parkplatznot, schlechte Luft – Großstädte stehen vor der Herausforderung, den Verkehr zukunftsorientiert zu regulieren. Wie die Hamburger Politik die Veränderungen im Bereich des automobilen Verkehrs in Eimsbüttel und ganz Hamburg vorantreiben will, verrät Andreas Rieckhof, Staatsrat der Behörde für Verkehr, Wirtschaft und Innovation im Gespräch.

Eimsbütteler Nachrichten: Warum sind die Themen Verkehr und Mobilität gerade so aktuell?
Die Anzahl der Autos in dieser Stadt nimmt, entgegen jeder Wahrnehmung, nicht ab, sondern sie nimmt tatsächlich jedes Jahr zu. Insofern gibt es ein Auseinanderfallen von Verhalten und öffentlicher Diskussion. Die Nutzung und die Ansprüche an den öffentlichen Raum steigen, und die Menschen im Stadtteil sehen den öffentlichen Straßenraum nicht nur als Durchfahrt oder zum Abstellen von Autos. Gleichzeitig nimmt die Erwartung an eine Bürgerbeteiligung zu. Es ist ein Thema, bei dem jeder mitreden kann und auch will. Die Ansprüche sind sehr unterschiedlich und es kommt darauf an, die verschiedenen Interessen stärker auszupendeln.

Eimsbütteler Nachrichten: Müssen wir unseren Mobilitätsanspruch verändern?
Nein, wir wollen niemanden umerziehen. Die Bürgerinnen und Bürger entscheiden selbst. Wir tun beispielsweise viel für den Fahrradverkehr, aber wenn die Leute nicht Fahrrad fahren wollen, dann müssen sie nicht. Es geht uns um Angebote und darum, dass diese Angebote zueinander passen. Man muss sehen, wie man bequem und kostengünstig von A nach B kommt. Dabei wird es in Zukunft mehr Mobilitätsketten geben, also dass sich Busse, Bahnen, Carsharing und das Fahrradfahren gegenseitig ergänzen.

Eimsbütteler Nachrichten: Sind im Bereich der privaten Autonutzung Carsharing und Elektromobilität die wichtigsten Pole für eine zukunftsgerichtete Mobilität?
Elektromobilität mit Sicherheit. Carsharing könnte auch nur eine Übergangsphase darstellen – bis autonomes Fahren kommt. Autos werden in der Zukunft miteinander kommunizieren und mit ihrer Umgebung kommunizieren. Das tun ja viele Ober- und Mittelklasse-Autos heute schon. In zehn, vielleicht zwanzig Jahren wird man sich in Stadtteilen wie dem Kerngebiet Eimsbüttel fragen, wozu man 24 Stunden am Tag ein eigenes Auto braucht, wenn man auf Zuruf Autos bestellen kann, die klimaneutral und ohne Fahrer fahren. Das ist noch Zukunftsmusik, aber es ist näher, als viele denken.

'Autofahren wird nicht verboten'

Eimsbütteler Nachrichten: Wenn sich in Zukunft die Mobilität in den innerstädtischen Bereichen wandelt – braucht man dann noch ein eigenes Auto?
Man braucht in 10 oder 20 Jahren in hochverdichteten Wohnquartieren wie Eimsbüttel sehr wahrscheinlich kein eigenes Auto mehr. Aber wenn man es haben will, wird man es weiter haben, das wird nicht verboten. Dieser Senat hat sich nicht zum Ziel gesetzt, Leute auf das Fahrrad zu zwingen und vom Auto weg zu bringen. Er macht Angebote zum Umstieg.

Eimsbütteler Nachrichten: Immer mehr Autos auf der gleichen Flächeist die Parkplatzsituation das Hauptproblem in Eimsbüttel?
In Wahrheit ja. Ein Auto steht durchschnittlich 23 Stunden am Tag herum. Man fragt sich, wo die Autos alle bleiben. Wir merken, dass die Parkplatzsituation immer schwieriger wird, gerade in Kerngebieten wie dem Stadtteil Eimsbüttel. Und da kommt das Carsharing ins Spiel: Den Anbietern geht es darum, für Ihre Kunden Bequemlichkeit zu schaffen. Die haben keine Lust auf eine lange Parkplatzsuche. Die wollen kostengünstig und bequem fahren. Und wenn solche Mobilitätsdienstleister das bringen, dann werden solche Angebote auch noch attraktiver.

Eimsbütteler Nachrichten: Wie kann Carsharing an die Herausforderungen der Zukunft angepasst werden?
Carsharing soll gefördert werden, aber was wir wollen ist, dass es auf lange Sicht ein Carsharing gibt, dass emissionsfrei ist, also elektromobil. DriveNow ist ja schon dabei einen Teil der Fahrzeuge umzurüsten, und auch car2go wird das tun: Der Elektro-Smart kommt.

Eimsbütteler Nachrichten: Zum Thema Elektromobilität –Wie schätzen Sie das Potential in Hamburg ein?
Die  europäischen Richtwerte werden immer strenger, deshalb muss Elektromobilität auf jeden Fall kommen. Bei den S- und U-Bahnen ist Hamburg schon lange klimaneutral unterwegs, jetzt wird der Busverkehr folgen. Hamburg hat entschieden, dass ab 2020 nur noch Elektro- oder mit Wasserstoff betriebene HVV-Busse angeschafft werden. Warum genau sich die E-Mobilität bei privaten Pkw durchsetzt, wird man sehen, aber das wird kommen und zwar mit Macht.

Eimsbütteler Nachrichten: Wäre denn Elektromobilität im Alltag schon vollständig umsetzbar?

Ja, Hamburgs Netz an Elektroladestationen ist gut ausgebaut. Trotzdem wird die Stadt ihren Teil dazu beitragen, die Anzahl der öffentlichen Ladestationen noch deutlich zu erhöhen. Aber sie kann nicht ins Unendliche steigen, das ist klar. Oft scheint das Aufladen für die Leute eine Hemmschwelle zu sein. Auf das Problem muss zunächst mal die Automobilindustrie eine Antwort finden.

'Die Autoindustrie muss liefern'

Eimsbütteler Nachrichten: Damit hat die Politik nichts zu tun?
Nicht jedes Problem kann dem Staat umgehängt werden, schließlich betreiben wir auch keine staatlichen Tankstellen. Nicht jeder, der ein Elektrofahrzeug fährt, kann vom Staat eine Ladestation vor der Haustür dazu bekommen, das können wir gar nicht bezahlen. Trotzdem ist Elektromobilität umsetzbar und im Grunde nur eine Frage der Reichweite und des Anschaffungspreises der Autos.

Eimsbütteler Nachrichten: Das bedeutet?
Die Batterieentwicklung der Industrie geht so schnell voran, dass in zwei oder drei Jahren die Fahrzeuge mit einer Ladung rund 500 km fahren können. Dann ist die Reichweite im innerstädtischen Raum kein Problem und das Aufladen auch keine Hemmschwelle mehr. Die Autoindustrie muss jetzt leistungsfähige und bezahlbare Elektroautos liefern.

Eimsbütteler Nachrichten: Ein klimaneutraler Verkehr gilt als großes Ziel des Senats: Klimaneutral wird Elektromobilität doch erst dann, wenn die E-Fahrzeuge mit Grünstrom versorgt werden. Wird darauf geachtet?
Im Prinzip muss das am Ende so sein, das ist richtig. Aber unter dem Gesichtspunkt der Luftreinheit in der Innenstadt ist das erst einmal zweitrangig. Die Stadt Hamburg muss bestimmte europäische  Vorgaben erfüllen. Wenn die Autos hier elektromobil fahren, dann ist die Luft besser. Wenn das darüber hinaus noch CO2-neutral vonstatten geht, dann ist es noch besser. Aber die Frage ist: Sind die Leute dann auch bereit, dafür mehr zu zahlen? Ich sage immer: Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht umgekehrt! Man kann alles Mögliche vorschreiben, aber die Leute müssen es mitmachen. Deshalb noch einmal zurück zu Ihrer Frage: Uns ist erst einmal wichtig, dass wir, wenn es um die Luftwerte geht, bestimmte Grenzwerte einhalten, das steht für mich im Vordergrund. Die Versorgung der Elektroautos mit Grünstrom ist der nächste logische Schritt.

'Zugang zur Mobilität muss niedrigschwellig sein'

Eimsbütteler Nachrichten: Wie schafft man es denn, dass dem Fisch der Köder schmeckt?
Taxen und Busse müssen die Vorreiter sein, damit die Leute das Gefühl bekommen, dass Elektromobilität zuverlässig funktioniert und damit sie nicht Angst haben, dass sie irgendwo stehen bleiben und keinen Strom mehr haben. Bequemlichkeit, die Preisfrage und die Reichweite sind meiner Meinung nach die entscheidenden Komponenten. Wobei in der Stadt die meisten Fahrten kurze Fahrten sind. Das heißt: Eine Sorge über die Reichweite ist meistens unbegründet. Entscheidend aber ist, dass der Zugang zu Mobilität niedrigschwellig ist, erst dann hat sie auch eine gute Chance auf Akzeptanz.

Eimsbütteler Nachrichten: Wie definieren Sie denn niedrigschwellige Mobilität?
Sie muss für Jedermann zugänglich und darüber hinaus kostengünstig, bequem und einfach sein. Das sind die wichtigen Voraussetzungen, damit die breite Masse mitmacht. Das gilt sowohl für Elektromobilität, als auch für das Carsharing.

Eimsbütteler Nachrichten: Was sind die nächsten Schritte, um in Hamburg Carsharing und Elektromobilität weiter zu etablieren?
Carsharing und Elektromobilität im privaten Bereich sind derzeit noch Nischenprodukte. Doch so oder so muss etwas passieren, denn eins ist klar: Wir können in Gebieten wie zum Beispiel im Bereich der Osterstraße nicht noch mehr Autos unterbringen.

Eimsbütteler Nachrichten: Wie stellen Sie sich den motorisierten Individualverkehr in Eimsbüttel im Jahr 2026 vor?
Der Anteil der E-Fahrzeuge hat sich deutlich erhöht und die Leute nutzen vermehrt das Fahrrad oder den ÖVPN. Trotzdem: Wer Auto fahren möchte, kann gern auch in 10 oder 20 Jahren weiter Auto fahren, ob sein eigenes, oder ein Carsharing-Fahrzeug. Aber ich würde mir wünschen, dass ein Teil der Flächen, die derzeit zugeparkt werden, für andere Zwecke genutzt werden kann. Zum Beispiel als Raum für Fußgänger, für Cafés oder andere Außengastronomie oder einfach nur zum Flanieren. Das ist wichtig für die Lebensqualität in der Stadt.

Andreas Rieckhof (SPD), geboren am 18. Juni 1959 in Hamburg, ist seit 2011 Staatsrat der Behörde Wirtschaft, Verkehr und Innovation und für den Bereich Verkehr zuständig. Er selbst war bis vor einigen Jahren nur mit dem Fahrrad und dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs: Erst mit 40 Jahren schaffte sich der Familienvater ein Auto an. 'Ungewöhnlich spät' sagt er selbst. Mittlerweile wohnt er in Stade und fährt gerne Auto.
weiterlesen: