Kapitel
Carsharing und Elektromobilität

Labor für den Verkehr der Zukunft

Eimsbüttel als Testgebiet für Pilotprojekte 10 Minuten Lesezeit

Hohe Bevölkerungsdichte, guter öffentlicher Nahverkehr und Einkaufsmöglichkeiten in fußläufiger Entfernung – Eimsbüttel bietet Rahmenbedingungen, die ein eigenes Auto verzichtbar machen. Zwei Projekte widmen sich derzeit möglichen Alternativen, damit die Fortbewegung im Stadtteil auch in Zukunft attraktiv bleibt. Die Grundidee: Elektromobiles Carsharing in den Alltag integrieren und den öffentlichen Raum neu nutzbar machen.

Gemeinsam die Trendwende einleiten

Das Projekt „firstmover“ befragt rund 600 Autonutzer und bringt Politik und Autohersteller gemeinsam an den Tisch

BMW will in Kooperation mit der Hochbahn und der Stadt Hamburg ein zukunftsfähiges Konzept für den Verkehr und die Mobilität der Stadt entwickeln. Ziel ist es, basierend auf einer Anwohner-Befragung in den Pilot-Stadtteilen Eimsbüttel und Ottensen, ein verbessertes Mobilitätsangebot zu schaffen. Den Menschen soll ermöglicht werden, das eigene Auto abzuschaffen und ihre Mobilitätsbedürfnisse ohne Verzicht zu decken. Eine wesentliche Rolle könnten dabei Carsharing-Angebote spielen.

Die Befragung verläuft in zwei Abschnitten. Im ersten Schritt werden im Rahmen einer Vollbefragung rund 300 Freiwillige nach ihrem Mobilitätsverhalten gefragt. Danach folgt ein zweites Gespräch mit den Menschen, die aufgrund ihrer ersten Angaben potentielle “firstmover” sein könnten: Sie besitzen ein Auto, parken im öffentlichen Raum und nutzen ihr Auto nur selten. Die Besonderheit dieser Befragung ist, dass über das alltägliche Mobilitätsverhalten hinaus auch die Gelegenheitsmobilität und deren Beweggründe erfragt werden. Es werden Informationen abgefragt wie: Wie bewegst du dich montags bis freitag? Wie bewegst du dich am Wochenende oder in deiner Freizeit? Wie fährst du in den Urlaub? Auch die Psychologie dahinter interessiert die Initiatoren: Warum hat man ein Auto, wann fährt man es? Es gilt die Leitfrage zu beantworten, unter welchen Umständen Menschen dazu bereit wären, ihr eigenes Auto abzuschaffen. Aus den Erkenntnissen der Interviews sollen die richtigen Maßnahmen abgeleitet werden, um passgenau auf die Nachfrage der Anwohner hin die richtigen Angebote zu schaffen.

Die Bezirke werden die Standortauswahl neuer Carsharing-Stationen und dessen Gestaltung mit den Bürgern im Quartier diskutieren und abstimmen. Bei der Konzepterstellung sitzen dann die Bezirke, die Senatsverwaltung, BMW und die Hochbahn am Tisch. Die finale Planung, Realisierung und den Betrieb der Sharing-Stationen übernimmt die Hochbahn AG mit ihrem bewährten switchh-Konzept. Dieses bündelt die Angebote von car2go, DriveNow, cambio und StadtRAD und stellt an elf, über die Stadt verteilten switchh-Punkten ausgewiesene Parkplätze und die Fahrzeuge der Anbieter zur Verfügung. Laut Hochbahn könnten im Sommer 2017 die ersten Stationen an den Pilotstandorten eingerichtet und in Betrieb genommen werden.

Drei Fragen an… Thiemo Schalk – BMW-Projektleiter

Welche Grundidee steckt hinter dem Projekt?
Wir versuchen herauszufinden, was die Menschen eigentlich brauchen, um diesen Mobilitätswandel freiwillig mitzugehen. Wir müssen ganz nah mit den Menschen zusammenarbeiten, die die Konzepte dann auch nutzen werden. Bei bisherigen Projekten dieser Art wurde das nicht konsequent gemacht. Da wurde den Leuten etwas vorgesetzt. Es wurden Maßnahmen implementiert, die teilweise an der Nachfrage vorbeigingen oder unzureichend waren und daraufhin auf große Akzeptanzprobleme gestoßen sind und wieder rückgängig gemacht wurden.

Was heißt Mobilitätswandel für Sie?
Man muss versuchen, die verschiedenen Mobilitätsangebote effizienter zu nutzen und miteinander zu vernetzen. Da kommt der öffentliche Verkehr ins Spiel, neue Formen des Carsharings und Angebote, die heute noch gar nicht auf dem Markt sind. Ich bin der festen Überzeugung, dass weder eine Stadt mit ihrer Verwaltung, noch ein Mobilitätsanbieter wie BMW, noch irgendjemand anderes das Problem nachhaltig alleine lösen kann.

Warum ausgerechnet Eimsbüttel?
Eimsbüttel hat extrem hohen Parkdruck. Wir haben uns Quartiere herausgesucht, die bestimmte Parameter erfüllen: Die Einwohnerdichte, eine gewisse Verfügbarkeit von öffentlichen Verkehrsmittel und Velorouten, die durch die Quartiere führen, sowie die Lage im Hamburger CarSharing-Geschäftsgebiet. Was wir schaffen wollen: den Menschen Alternativen zum Besitz eines privaten Autos zu ermöglichen, um sie von ihrem Auto weg zu bewegen und durch eine Angebotsverbesserung andere Verkehrsmittel attraktiver zu machen. In Innenstadtquartieren haben die Leute aufgrund des bereits bestehenden Alternativangebots gute Möglichkeiten, ihr eigenes Auto abzuschaffen.

Das Angebot von morgen schaffen

Das Projekt „e-Quartier“ versucht elektromobiles Carsharing in Eimsbüttel zu fördern

Im Projekt „e-Quartier“ haben sich Partner aus Wissenschaft und Wirtschaft zusammengeschlossen. Ihr gemeinsames Ziel: Elektromobiles Carsharing in Mobilitätskonzepte integrieren, die die Nutzung von ÖPNV und nicht-motorisiertem Verkehr fördern. Derartige Mobilitätskonzepte können bei der Städteplanung und beim Wohnungsbau von Anfang an mitbedacht werden. So könnten beispielsweise Carpools in Bauprojekte mit eingeplant werden. Kooperationspartner sind deshalb, neben den Carsharing-Anbietern Cambio und Share a Starcar, Unternehmen aus der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft.

Neben Eimsbüttel gibt es 13 weitere Standorte, an denen ein e-Quartier umgesetzt wird. Die Quartiere befinden sich verteilt über das Hamburger Stadtgebiet sowie in der Metropolregion. An den Standorten wird elektromobiles Carsharing durch die beiden Anbieter zur Verfügung gestellt. In Eimsbüttel hat Cambio an den festen Stationen in Lokstedt und an der Osterstraße Elektroautos in seiner Carsharing-Flotte. Deren Nutzung wird in der Projektphase durch die HafenCity Universität (HCU) wissenschaftlich begleitet. Die Studie hat eine Laufzeit von einem Jahr. Die Teilnehmer beteiligen sich an zwei Workshops und an zwei Befragungen. Zudem füllen sie über je eine Woche vier Mobilitätstagebücher aus. Als Aufwandsentschädigung erhalten die Teilnehmer für ein Jahr Carsharing-Fahrguthaben in Höhe von 20 Euro monatlich.

Nach einer 2013 beginnenden Phase der Methodenentwicklung und Kooperationspartnersuche befindet sich das Projekt derzeit in der Evaluierungsphase, die noch bis Herbst 2017 andauert. Die Standorte sind nun umgesetzt und die Elektrofahrzeuge können genutzt werden. Nun wird analysiert, wie die Angebote angenommen werden und was gegebenenfalls noch verbessert werden muss. Über die Projektlaufzeit hinaus sollen Kooperationen zwischen der Wohnungswirtschaft und den Mobilitätsdienstleistern folgen, sodass bei neuen Entwicklungen die Umsetzung von integrierten Mobilitätskonzepten leichter fällt.

Drei Fragen an Johanna Fink – HCU-Projektplanerin

Warum ist es gut, Elektromobilität und Carsharing zusammenzubringen?
Sowohl Carsharing als auch Elektromobilität gelten als wichtige Bausteine für eine stadtverträgliche Mobilität. Carsharing, vor allem stationsbasiertes Carsharing, kann dazu beitragen, den Pkw-Bestand zu verringern und damit mehr Raum für städtisches Leben zu schaffen. Elektrofahrzeuge stoßen lokal keine Schadstoffe aus, also tragen sie zu einer Verbesserung der Luftqualität in der Stadt bei. Mit einer Verknüpfung der beiden Bausteine wird die heute noch vergleichsweise teure Elektromobilität außerdem für breite Bevölkerungsschichten im wahrsten Sinne des Wortes erfahrbar.

Warum ausgerechnet Eimsbüttel?
Eimsbüttel ist einer der Standorte, der besonders prädestiniert für den Erfolg von elektromobilem Carsharing ist. Dies liegt zum einen an der hohen baulichen Dichte, aber auch an der guten ÖPNV-Anbindung. Diese ermöglicht es schon jetzt vielen Menschen, im Alltag weitgehend ohne eigenes Auto auszukommen. Für die Nutzungen, für die dann doch ein Auto gebraucht wird, kann dann Carsharing genutzt werden.

Gab es Kritik an dem Projekt?
Die meisten bisherigen Nutzer der Fahrzeuge, mit denen wir Kontakt haben, sind insgesamt sehr zufrieden, wünschen sich aber eine größere Reichweite der Elektroautos. Hier hat sich in den letzten Jahren schon viel getan, und mit der geplanten Umrüstung auf neue Fahrzeuge im laufenden Jahr wird sich dieser Punkt dann wahrscheinlich wieder relativieren.

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